Unter der Leitung von Peter Murer, Wander- und Bergführer, Kerns, wanderten wir (Urs Bachmann, Peter Christen, Pius Krummenacher, Madeleine Merz, Peter Zumstein und ich) vom 27. Juni bis 3. Juli 2004 von Engelberg ins Val Bedretto. Die Alpenüberquerung war geprägt von ausserordentlich viel Schnee, teilweise mässigem (aber nie katastrophalem) Wetter und einer herzlichen Stimmung in der Gruppe. Die Tour folgt alpinen, meist weiss-blau markierten und in der Literatur dokumentierten Pfaden. Peter Murer führt sie jedes Jahr durch, sie kann aber auch ohne Führer gemacht werden (allerdings sollte man, da sie teilweise über Gletscher führt, mindestens zu Dritt unterwegs sein).
Von Engelberg (Herrenrütiboden, Talstation der Fürenalpbahn) steigen wir bei recht sonnigem Wetter über das Leiterli zur Alp Bödmen auf (kleine Alpwirtschaft). Über das Ober Stäfeli gelangen wir zur Gorisegg, einer etwas mühsam zu begehenden Moräne, die direkt unter der beeindruckenden Titlis-Ostwand zum Firnalpeligletscher führt. Ab einer Höhe von ca. 2200 m.ü.M. stapfen wir durch tiefen, weichen Schnee in Richtung Tierberg. Seine Nordflanke scheint uns lawinengefährdet, und wir überqueren deshalb das Wendenjoch und gelangen über die Südseite des Tierbergs zum Grassenbiwak.
Es beginnt zu regnen, während wir den Ofen einheizen; die letzten unserer Gruppe sind schon recht nass, als sie im Biwak eintreffen. Wir schmelzen Schnee für den Tee, und Urs kocht die Teigwaren und den Sugo, den Ruth Murer uns mitgegeben hat. Pius schaufelt uns einen bequemen Weg zum etwas westlich vom Biwak gelegenen WC-Häuschen. Draussen zieht Sturm auf, während es im Biwak immer wärmer wird - als wir schliesslich essen, ist es wohl über 30° warm. Dem Nachtessen folgen angeregte Diskussionen über das Gesundheitswesen; wir lösen sämtliche Probleme, mit denen sich die Gesundheitspolitik seit Jahren herumschlägt; allerdings geht unser Grassen-Manifest im Laufe der Woche irgendwo verloren, und wir überlassen deshalb das Gesundheitswesen weiterhin der Fachwelt.
Als Siebnergruppe haben wir im kleinen Biwak gut Platz, aber mit mehr Leuten würde es eng. Trotz starkem Wind und heftigem Regen schlafen wir in der warmen Hütte sehr gut.
Der Morgen ist neblig und regnerisch, man sieht kaum zehn Meter weit. Wir warten bis nach zehn Uhr vergeblich auf eine Wetterbesserung. Um halb elf seilen wir uns an und wandern über den Firnalpelifirn zum Stössensattel (den nahegelegenen Gipfel des Grassen lassen wir aus; er macht bei diesem Nebel einfach keinen Sinn). Über den Stössenfirn gelangen wir rasch zur Sustlihütte, wo uns Agi Stadler mit selbstgebackenen Krapfen begrüsst. Im Laufe des Nachmittags wird das Wetter besser, und wir können unsere nassen Schuhe und Kleider an der Sonne trocknen lassen. Rund um die Hütte beginnt der Bergfrühling, ein Schneehuhn hüpft herum, und wir faulenzen und jassen bis zum Nachtessen.
Eigentlich hatte Peter Murer geplant, über den Silberberg und das Sustenjoch zum Sustenpass zu wandern. Weil die Fixseile beim Guferjoch jedoch vom Schnee weggerissen worden sind, steigen wir stattdessen über Oberplatti durch Alpenrosen und Erlen gemütlich zur Sustenpassstrasse ab. Ein Taxi bringt uns auf die Passhöhe, und wir folgen dem Säumerweg hinunter zum Restaurant Steingletscher. Hier stösst Rita Frank für einen Tag zu uns. Für den Aufstieg zur Tierberglihütte wählen wir die (gut besonnten) Schneefelder östlich vom Sommerweg.
Die Hütte ist recht gut besucht, und Trudi Imdorf macht literweise "Kaffee Trudi" mit ihrer Hausmischung. Das Wetter wird immer besser, und nach neun Uhr malt die untergehende Sonne die letzten Wolken vor dem Sustenhorn orange und rosa an.
Nach einer klaren und kalten Nacht ist der Morgenhimmel tiefblau und der Schnee auf dem Steigletscher hart gefroren, als wir kurz nach sechs Uhr in zwei Seilschaften aufbrechen. Peter Zumstein, Pius, Rita und ich kommen gut voran; schon um acht Uhr stehen wir auf dem Gipfel des Sustenhorns. Die Sicht ist gewaltig; hinter den Berner Alpen zeigt sich das Matterhorn. Nach einer kurzen Rast (es ist sehr kalt auf dem Gipfel) steigen wir wieder ab; zur Absicherung ziehe ich dazu die Steigeisen an. Beim Abstieg kreuzen wir unsere zweite Seilschaft und verabreden uns für den Mittag am Fuss des Brunnenfirns.
Bei der Sustenlimi deponieren wir einen Teil unseres Materials und wenden uns nach Westen, zum Gwächtenhorn. Seine Ostflanke ist seit dem frühen Morgen stark besonnt, und der Schnee ist deshalb bereits recht weich, obwohl noch immer ein kräftiger kühler Wind weht. Wegen der Kälte bleiben wir auch hier nur kurz auf dem breiten Gipfelplateau. Über die Sustenlimi steigen wir in den Brunnenfirn und queren ihn mühsam gegen Osten, wo wir Peter Murer und seine Seilschaft, die nach dem Sustenhorn direkt abgestiegen sind, wieder treffen. Über viel Blockschutt und Schneefelder wandern wir unter dem Hoch Horefellistock zur Bergseehütte.
Wir sind die einzigen Gäste, und zusammen mit Toni und Maria Fullin geniessen wir den sonnigen und warmen Nachmittag. Später stösst Konrad Mattli, Wirt im Gwüest und Göschener Original, zu uns; er unterhält die ganze Gesellschaft mit frechen und fröhlichen Geschichten. An diesem Menschen und seinem Lachen ist nichts Falsches. Später zeigt mir Toni Fullin ein in der Nähe der Hütte brütendes Schneehuhn; es kauert unter Alpenrosen und lässt mich bis auf einen Meter herankommen.
Rita Frank, die unser hohes Tempo mit stoischer Ruhe mitgemacht hat, verlässt wie geplant unsere Gruppe und steigt zur Göscheneralp ab. Der tiefe Schnee und die Sonne treiben mich nach dem feinen Nachtessen früh ins Bett.
Nach dem langen Marsch von der Sustenlimi zur Bergseehütte macht Peter Christen eine alte Knieverletzung Mühe, und er entschliesst sich, die heutige Etappe auszulassen und mit dem Postauto auf die Furka zu fahren.
Auf dem neu ausgebauten Weg steigen wir bequem zur Göscheneralp ab. Nach einem Kaffee wandern wir über die Staumauer und hinauf zur Lochberglücke. Das Wetter wird zunehmend schlechter, und nach dem Älpergensee beginnt es zu regnen. An eine Besteigung des Lochbergs ist nun nicht mehr zu denken. Wir rutschen über viel Schnee hinunter zur Saasegg, umgehen die Albert Heim-Hütte östlich und gelangen auf einem Fahrweg zur Furkapassstrasse, wo wir im Hotel Tiefenbach Quartier beziehen. Endlich wieder einmal duschen und Zeitungen lesen!
Peter Christen entschliesst sich, die Tour abzubrechen, womit die Nidwaldner Fraktion beim Schleger-Jassen empfindlich geschwächt wird. Nach einigen kurzen Eindrücken vom Fussball-Halbfinal Griechenland-Tschechien geniesse ich die erste schnarchfreie Nacht dieser Woche.
Sepp Inderkum fährt uns bis auf die Furka-Passhöhe. Im dichten Nebel führt uns Peter Murer auf den Stotzigen Firsten. Für einen kurzen Moment klart es etwas auf, und wir sehen den Pizzo Lucendro. Wir steigen über grasige Flanken und viel Schnee über das Deieren-Älpetli ins Tal der Muttenreuss ab. Im dichten Nebel wandern wir stetig über den einfach zu begehenden Muttengletscher zum Leckipass hoch.
Peter Murer (mit Sommergrippe) und Pius (mit Magenproblemen) steigen zur Rotondohütte ab, während Peter Zumstein, Urs, Madeleine und ich uns den kurzen Nordgrat des Gross Leckihorns vornehmen. In einer knappen halben Stunde erreichen wir (ohne Rucksäcke) über Schnee und Blockschutt das Gipfelkreuz. Weil es ganz leicht schneit und der Fels feucht ist, lassen wir die wenigen Meter bis zum eigentlichen Gipfel aber bleiben. Es ist windstill, und wir warten einige Minuten ab, ob sich der Nebel für einmal kurz lichtet - aber weiter als bis zum Leckipass sehen wir nie. Nach einem kurzen Abstieg folgen wir mit einer Sichtweite von knapp 20 Metern den Spuren von Peter und Pius zur Rotondohütte.
Claudia Rey, die aufgestellte Hüttenwartin, verwöhnt uns mit frischer Apfelwähe. Im Laufe des Nachmittags klart der Himmel auf, und Urs und ich nehmen uns den Hüenerstock als Zvierigipfel vor. Nach einer guten Stunde stehen wir auf dem Gipfel und blicken zur Rotondohütte hinunter.
Die Hütte ist recht voll, aber Claudia und ihre Kollegin haben das gut im Griff, und wir freuen uns, dass sie es mit der Hüttenruhe um 22:00 nicht so genau nehmen. Schliesslich sind da vom Schleger-Jassen noch einige Fläschchen Rotwein, dem üblichen Tarif für den Letzten, offen.
Weil wir den langen Abstieg vermeiden möchten, entscheiden wir uns, am Samstag nicht wie geplant über den Witenwasserenstock nach Ronco abzusteigen, sondern über den Ronggergrat und den Pizzo Lucendro in Richtung Gotthard zu wandern.
Ein strahlender Morgen nach einer klaren und kalten Nacht: Bei -3° brechen wir kurz nach sechs Uhr auf. Der Schnee ist hart gefroren, und der Versuch, mit möglichst wenig Gegensteigung zum Hüenersattel zu gelangen, zwingt uns viele anstrengende Traversen in harten und steilen Schneeflanken auf; manchmal müssen wir Stufen schlagen. Vom Hüenersattel aus folgen wir dem Plattenweg (ein Werk der Armee aus dem zweiten Weltkrieg) auf der Nordseite des Ronggergrats zum Passo di Cavanna. Da der Plattenweg noch teilweise schneebedeckt ist, müssen wir manchmal recht ausgesetzt an seinem Rand entlang balancieren.
Wir umgehen den Pizzo Lucendro auf seiner Südseite und kommen nach weiteren mühsamen Schneetraversen über die Cresta del Poncionetto zum Passo di Lucendro. Peter Zumstein spurt uns einen Weg in die Nordostflanke des Pizzo Lucendro, und gegen elf Uhr erreichen wir den Gipfel. Die Rundsicht ist schlicht atemberaubend! Tief unter uns liegt der Lago di Lucendro, und gegen Norden sehen wir fast alle Gipfel und Pässe, die wir im Laufe der Woche überquert haben.
Wir steigen zu unseren Rucksäcken, die wir beim Passo di Lucendro zurückgelassen haben, ab. Über letzte Schneefelder und aufgegebene Alpweiden gelangen wir bei Rosso di fuori auf eine Armeestrasse, auf der wir zur Gotthardpassstrasse gelangen. Hier warten Ruth Murer und Agnes Krummenacher auf uns und führen uns mit dem Auto zurück in die Zentralschweiz.
| Datum | Strecke | Distanz km |
Höhe Start |
Höhe Ziel |
Aufstieg | Abstieg |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 27. Juni 2004 | Engelberg-Grassenbiwak | 4 | 1084 | 2647 | 1563 | 0 |
| Tagestotal | 4 | 1563 | 0 | |||
| 28. Juni 2004 | Grassenbiwak-Stössensattel | 2 | 2647 | 2835 | 188 | 0 |
| Stössensattel-Sustlihütte | 3 | 2835 | 2257 | 0 | 578 | |
| Tagestotal | 5 | 188 | 578 | |||
| 29. Juni 2004 | Sustlihütte-Sustenpassstrasse | 2 | 2257 | 1700 | 0 | 557 |
| Sustenpass-Steingletscher | 1 | 2224 | 1865 | 0 | 359 | |
| Steingletscher-Tierberglihütte | 4 | 1865 | 2795 | 930 | 0 | |
| Tagestotal | 7 | 930 | 916 | |||
| 30. Juni 2004 | Tierberglihütte-Sustenhorn | 4 | 2795 | 3503 | 708 | 0 |
| Sustenhorn-Sustenlimi | 2 | 3503 | 3089 | 0 | 414 | |
| Sustenlimi-Gwächtenhorn | 3 | 3089 | 3420 | 331 | 0 | |
| Gwächtenhorn-Bergseehütte | 8 | 3420 | 2370 | 0 | 1050 | |
| Tagestotal | 17 | 1039 | 1464 | |||
| 1. Juli 2004 | Bergseehütte-Göscheneralp | 2 | 2370 | 1782 | 0 | 588 |
| Göscheneralp-Lochberglücke | 4 | 1782 | 2815 | 1033 | 0 | |
| Lochberglücke-Tiefenbach | 5 | 2815 | 2106 | 100 | 809 | |
| Tagestotal | 11 | 1133 | 1397 | |||
| 2. Juli 2004 | Furkapass-Stotzigen Firsten | 2 | 2429 | 2732 | 303 | 0 |
| Stotzigen Firsten-Muttental | 1 | 2732 | 2357 | 0 | 375 | |
| Muttental-Gross Leckihorn | 3 | 2357 | 3068 | 711 | 0 | |
| Gross Leckihorn-Rotondohütte | 2 | 3068 | 2570 | 0 | 498 | |
| Rotondohütte-Hüenerstock | 2 | 2570 | 2889 | 319 | 0 | |
| Hüenerstock-Rotondohütte | 2 | 2889 | 2570 | 0 | 319 | |
| Tagestotal | 12 | 1333 | 1192 | |||
| 3. Juli 2004 | Rotondohütte-Ronggergrat | 2 | 2570 | 2725 | 305 | 150 |
| Ronggergrat-Passo di Lucendro | 3 | 2725 | 2600 | 0 | 125 | |
| Passo di Lucendro-Pizzo Lucendro | 1 | 2600 | 2963 | 363 | 0 | |
| Pizzo Lucendro-Gotthardpassstrasse | 5 | 2963 | 1931 | 0 | 1032 | |
| Tagestotal | 11 | 668 | 1307 | |||
| Gesamttotal | 67 | 6854 | 6854 |
4. Juli 2004
Roman Koch
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