Tourenwoche Herbst 2002

Siroua, Marokko
Mit Reini Dietschi

Sonntag, 17. November 2002

Dieses Jahr lag eine Sommerourenwoche in den Alpen nicht drin; einerseits hat das Wetter nicht mitgespielt, und andererseits war ich mit einem ziemlich intensiven Projekt etwas absorbiert. Wir haben unsere traditionelle Tourenwoche deshalb in den Spätherbst und nach Marokko verschoben. Der Jbel Siroua ist ein vulkanischer Berg von 3305 m Höhe südlich des Hochatlas (siehe Übersichtskarte). Verschiedene Veranstalter bieten Trekkingtouren auf den Siroua an; wir haben uns für Atlas Sahara Trekking entschieden. Die Reise beginnt mit dem Flug über Agadir nach Marrakesch, wo wir in einem einfachen und modernen Hotel bei der Gare Routiere Quartier beziehen. Nach dem Nachtessen an einem Stand auf Jemaa El Fna, dem grossen Marktplatz in der Medina, und einer guten Flasche Wein in der Bar des "Les Jardins de la Koutoubia" schlendern wir gegen Mitternacht zum Hotel zurück. Wir schlafen nicht besonders gut, denn vor unserem Hotel befindet sich der Busbahnhof, eine Tankstelle und ein En Gros-Markt.

Montag, 18. November 2002

VorschauNach dem Frühstück holt uns ein Fahrer in einem kleinen Fiat ab. In einem Supermarkt am Rand von Marrakesch kaufen wir noch einige kleine Flaschen Wein (Gerouanne und Siroua); dazu muss ich am Eingang einen Ausweis abgeben (der Polizist ist mit meinem Halbtax-Abo zufrieden), weil während dem Ramadan nur Ausländer alkoholische Getränke kaufen dürfen. Danach fahren wir in gut vier Stunden über den elend langen Tizi n'Test Pass nach Taliouine. Der Chauffeur hat es eilig und will noch vor dem Abend wieder zurück in Marrakesch sein; deshalb fährt er die einspurige Passstrasse in einem halsbrecherischen Tempo. Glücklicherweise kommen uns in den vier Stunden nicht mehr als etwa fünf Autos entgegen, so dass wir dem Tod durch Frontalaufprall knapp entgehen... schade um die grossartige Landschaft mit den grossartigen Ausblicken auf den verschneiten Toubkal!

Wir beziehen unser Zimmer in der Auberge Le Safran in Taliouine und lernen unseren Führer Mahfoud Mohiydine kennen. Was uns in der einfachen Herberge nachhaltig beschäftigt, sind die Sanitärinstallationen. Wir wussten ja, dass man eigenes WC-Papier mitnehmen muss - aber was wir hier vorfinden, eine Kombination von Dusche mit eingebautem Plumpsklo, macht uns zu schaffen. Soll man nun zuerst duschen und dann erst, oder umgekehrt? Und wohin stellt man das Toilettenpapier in der nassen Dusche? Und wie die Zeitung lesen, wenn man dabei nicht sitzen kann? Der erste Kulturschock sitzt tief...

Beim Nachtessen erklärt uns Mahfoud die Regeln des Ramadan. Zwischen Sonnenaufgang und Untergang wird weder gegessen noch getrunken. Am Abend beginnt das Essen dann mit dem "petit déjeuner" - eine Mehlsuppe, Datteln, gemahlene Mandeln an Honig und Olivenöl sowie Chbakia, einem Teigring mit Honig und Sesam. Etwa zwei Stunden später (wir sind immer noch satt) kommt dann das eigentliche Nachtessen mit Brochettes und Safrangemüse.

Dienstag, 19. November 2002 (Karte: Etappe 1)

VorschauWir haben recht gut geschlafen, nur einmal kurz unterbrochen von Reini, der nach einem Kurzschluss in seiner Taschenlampe polternd und fluchend den Weg zur WC-Dusche sucht. Nach einem Frühstück im Garten (es ist sonnig, aber noch recht kühl) bringt Mahfoud kubikmeterweise Material, das er mit seinem Leuten in einen alten und sichtlich geländeerprobten Ford Transit verlädt. Wir fahren etwa 20 km auf der Hauptstrasse in Richtung Quarzazate und besuchen in der Nähe von Ifri einen Souk, um Lebensmittel zu kaufen und Informationen zum Zustand der Pisten einzuholen (es hat in der Vorwoche stark geregnet, und Mahfoud befürchtet, dass wir mit dem Ford Transit die Furt bei Azgour nicht durchqueren können). Dann zweigen wir von der Hauptstrasse ab und fahren auf einer groben Piste über Azgour nach Aït' Icht, wo Ibrahim, unser Muli-Führer, auf uns wartet. Der Muli wird mit über 100 kg Gewicht - Zelte, Gasflaschen, Geschirr, Proviant, Decken, Mineralwasser etc. - beladen. Die Last hängt an beiden Seiten so bedrohend nach aussen, dass das arme Tier kaum das Gleichgewicht halten kann. Mahfoud verspricht uns jedoch, dass es diese Last nur auf einer kurzen Strecke tragen müsse; später komme ein zweiter Muli dazu.

Wir wandern etwa 3 km über eine karge Hochebene mit teilweise vulkanischem Gestein, immer mit Blick auf den schneebedeckten Siroua, und erreichen Tislit, ein kleines Berberdorf an einem Fluss mit spektakulären vulkanischen Gesteinsformationen. Wir besuchen das kleine Schulhaus und sehen zu, wie die Kinder die arabische Schrift lesen lernen (seit diesem Jahr ist es an marokkanischen Schulen nicht mehr verboten, Berber zu sprechen und zu schreiben, aber es gibt noch keine Lehrmittel in Berber).

VorschauDie Gesteinsformationen am Fluss sehen aus wie Nagelfluh - Lava verbacken mit etwa faustgrossen Steinen. Die Türme sind vermutlich vom Wind rundgeschliffen und insgesamt etwa 100 m hoch, aber so strukturiert, dass sich immer wieder eine Kraxelroute hinauf und hinunter eröffnet. Pflanzen gibt es auf diesen Türmen nur wenige, aber dafür spektakuläre: Datteln, Feigen und eine Art Iris mit stinkenden, leimartigen Zwiebeln. Wir vergnügen uns ein paar Stunden auf diesem Spielplatz, während Mahfoud und Ibrahim die Zelte aufbauen und einen Entlastungs-Muli organisieren. Am späten Nachmittag ziehen Wolken auf, und es wird rasch recht kühl. Beim Petit Déjeuner halten wir uns zurück, um uns nicht den Appetit für die nachfolgende Tagine de Poulet zu verderben. Während Ibrahim kocht, erlabe ich mich an Reini Dietschi-Weisheiten wie "Mein Französisch gleicht einem alten Ford Transit" - die Wüstensonne scheint ihm zuzusetzen.

Wir verbringen den Abend dick angezogen im Zelt. Mahfoud schildert uns seine Vorstellungen vom ursprünglich toleranten Islam, von seinem politischen Missbrauch in den fundamentalistischen Ländern des Islams, und von den vielen Attentaten , die König Hassan II (den er sehr verehrt) auf wundersame Weise überlebt hat. Sein Weltbild ist durchaus wissenschaftlich, durchaus intellektuell, und seine Wahrnehmung der Politik ist geprägt von einer moderat anti- amerikanischen Haltung; nach seinen Informationen haben die USA und Israel schon zum Voraus vom Attentat vom 11. September gewusst, es aber aus politischem Kalkül nicht verhindert. Sein Bild der Kulturgeschichte konzentriert sich ebenso klar auf die islamische Kultur; es ist faszinierend, die Welt einmal nicht aus einer westlichen und europäischen Perspektive erklärt zu sehen. Und nebenbei erfahren wir, dass die Bezeichnung "Berber" auf die Römer zurückgeht, welche alle Völker ausserhalb ihres Reiches als Barbaren bezeichnet haben.

Mittwoch, 20. November 2002 (Karte: Etappe 2)

VorschauIn der Nacht hat es ein bisschen geregnet, und die Felsen von Tislit sind von dunklen Wolken verhangen. Rahib, der zweite Muli-Führer, stösst zu uns. Es ist ziemlich kalt und feucht, als wir um neun Uhr losmarschieren. Wir wandern durch ein mondähnliches Hochland nach Aït Diya, einem grossen Berberdorf an einem Fluss, der vom Siroua her nach Süden fliesst. Links und rechts des Flusses sehen wir terrassierte Äcker und Gärten, in denen Getreide, Gemüse und Safran angebaut wird. Zwischen kleinen Nussbaum- und Mandelbaum-Plantagen sehen wir Birken und einige wenige Dattelpalmen. Im fruchtbaren Talboden wandern wir über Aït Ma'rouf und Aït Amrane weiter nach Norden. In allen Dörfern betteln die zahlreichen Kinder nach einem "Stylo", ein für unser Gefühl sehr kultivierte und nie unangenehm vorgebrachte Art des Bettelns. Natürlich wären sie auch mit ein paar Süssigkeiten oder einem Dirham zufrieden, aber Betteln für die eigene Schulbildung scheint nicht nur zweckmässig, sondern bei Touristen auch akzeptiert zu sein.

VorschauNach Aït Amrane wird das Tal gebirgiger, und das Wetter klart auf. Bis Tagouyamt folgen wir einer leidlich guten Sandpiste (bis hierher käme man also auch mit einem Landrover, sofern man die Gegend kennt). Wir erreichen bei nun völlig klarem Himmel und warmen Temperaturen Tizgui, das letzte Dorf im Tal. Es liegt auf etwa 2000 m.ü.M. und ist steil an den Hang geklebt. Wir gehen noch eine knappe Stunde weiter und erreichen auf ca. 2300 m Höhe eine Schafalp (Azib); hier werden wir die Nacht verbringen.

Etwas oberhalb unserer Zelte finden wir bei einer Grotte im Sandstein eine Quelle. Sie wäre genügend breit und tief, um als Badewanne zu dienen, und drängt sich als Waschraum geradezu auf. Da es wieder recht kühl und windig ist, verzichten wir auf ein Vollbad und waschen uns mit einem Tuch. Wir sind uns ja von SAC-Hütten durchaus an rustikale Waschsituationen gewöhnt, aber hier müssen wir uns, um unnötige Wärmeverluste zu vermeiden, abschnittweise waschen, zuerst an Kopf und Oberkörper. Wie aber soll man Unterkörper, Beine und Füsse waschen, ohne dabei zu erfrieren und ohne dabei im nassen Sand zu stehen? Reini baut mit ein paar Steinen die Quelle zu einem Badezimmer nach Rheintaler Standards um, und ich empfehle ihm, zuerst die Hosen runterzulassen, um den Hintern zu waschen, und dann die Hosen raufzuziehen, um die Füsse zu waschen. Er befolgt meinen Rat treuherzig und sieht dabei nicht nur zum Schreien komisch aus, er tropft sich mit dem nassen Tuch auch noch die ganzen Hosen voll... Nach seinen Erfahrungen ziehe ich es vor, lieber kurz zu frieren als mit nassen Hosen herumzugehen, und wasche mich konventionell nackt.

Am späten Nachmittag weiss das Wetter nicht recht, was es will; mal reisst es kurz auf, und dann kommt wieder dichter Nebel auf. Erst am Abend zieht sich der Nebel definitiv nach Süden zurück, und wir erleben einen farbenfrohen Sonnenuntergang. Die Nacht ist jedoch bitterkalt, die Temperatur sinkt rasch auf null Grad. Mahfoud trägt trockene Sträucher zusammen, die er vor dem Zelt anzündet. Wir wärmen uns an den Flammen und schieben dann die Glutreste in den Zelteingang, wo sie zwar tüchtig rauchen, aber auch ein bisschen Wärme geben. Dennoch trinken wir unseren Thé à la menthe mit Handschuhen, und unseren Wein machen wir geniessbar, indem wir die Flasche stundenlang unter dem Pullover aufwärmen.

Donnerstag, 21. November 2002 (Karte: Etappe 3)

VorschauWir stehen um sechs Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, auf. Die Wolken haben sich in die Täler südlich des Siroua zurückgezogen; bei uns ist es klares Wetter, aber sehr kalt (leicht unter null Grad). Rahib bringt uns eine Kanne mit warmem Wasser, die wir fälschlicherweise für Marschtee halten und sofort in die Thermosflasche umfüllen. Nach einem kurzen Frühstück brechen wir um sieben Uhr mit Mahfoud auf und folgen dem Tal in Richtung Norden, dem vom Siroua her kommenden Bach entlang. Der Boden ist gefroren. Nach etwa zwei Kilometern steigen wir über leichtes Geröll auf den breiten Rücken zwischen dem Jbel Guiliz und dem Tisfeldat. Von Nordwesten her bläst ein eisiger Wind (Mahfoud meint zwar, dass es heute kaum Wind habe), und gleichzeitig brennt die Sonne.

VorschauVon diesem Hochplateau aus sehen wir die breite Südflanke des Siroua und den felsigen Gipfelaufbau vor uns. Je weiter wir gegen Nordwesten vorankommen, desto häufiger und grösser werden die Schneefelder. Der kalte Wind trocknet uns stark aus, und das warme Wasser in der Thermosflasche schmeckt abgestanden und metallisch. Beim Aufstieg zum Siroua-Sattel, ab etwa 3000 m, ist der Schnee vom Wind verblasen und stellenweise eisig. Reini und ich wechseln uns mit dem Spuren ab, damit Mahfoud mit seinen zerschlissenen dünnen Schuhen leichter gehen kann. Wir umgehen den kleinen Vorgipfel auf der Ostseite und deponieren unsere Rucksäcke in der Lücke zwischen Vor- und Hauptgipfel. Die Kletterei auf den Gipfel ist einfach (ca. 50 m im II. Grad), mit nur einem etwas unglücklich vereisten Eck, aber vor allem windgeschützt.

VorschauAuf dem Gipfel (3305 m) haben wir eine fantastische Sicht auf die schneebedeckte Kette des Hohen Atlas. Ohne Wind ist es angenehm warm auf dem Gipfel, und wir bleiben eine gute halbe Stunde oben. Beim Abstieg sichern wir die vereiste Ecke mit einer Reepschnur, und im Rucksackbiwak verdrücken wir Landjäger, Brot, Schokolade, Riegel und lauwarmes Wasser. Der arme Mahfoud, der sicher genauso ausgetrocknet und hungrig ist wie wir, schliesst dabei die Augen und fügt sich tapfer den Gesetzen des Ramadan.

VorschauGegen Mittag machen wir uns auf den Weg zum Camp. Wir folgen den verschneiten Rücken des Siroua gegen Westen und steigen dann etwas umständlich durch Felsbänder und Schutt zu einer Alp auf ca. 2600 m, etwa 3 km südlich des Siroua, ab. Ibrahim und Rahib, die vom letzten Camp ohne Umweg über den Siroua zu dieser Alp gelangt sind, haben bereits die Zelte aufgebaut. Mahfoud ist todmüde vor Durst und legt sich gleich schlafen, während wir uns vor dem Zelt in der warmen Nachmittagssonne - es ist nun gut 20 Grad warm - aufwärmen und in knapp 10 Sekunden einen Liter Tee kippen.

Wir wollen das schöne Wetter zu einem weiteren Vollbad am Bach nutzen, und ich präsentiere Reini meine neueste Erfindung: die Wüstendusche, ein Plastiksack, in den ich mit dem Taschenmesser feine Löcher schneide, damit das Wasser aus dem Bach in fein dosierten Strahlen wie aus einer Brause herausrinnt. Reini ist begeistert und seift sich sofort von Kopf bis Fuss ein. Als ich meine Wüstendusche über ihm ausprobiere, ist sein Kälteschrei wohl bis nach Marrakesch zu hören. Ich halte fest, dass die Wüstendusche sehr wohl funktioniert, für Warmduscher jedoch nur bedingt attraktiv ist.

VorschauNach dem Sonnenuntergang wird es wieder rasch sehr kalt. Nach eineinhalb Litern Wasser kommt Mahfoud wieder zu sich, während wir im Zelt unsere Techniken zum Kälteschutz weiter optimieren und zur Feier des Tages gleich zwei Flaschen Wein unter unseren Pullovern wärmen. Gegen neun Uhr tragen Ibrahim und Rahib wieder trockene Sträucher zusammen, zünden sie vor unserem Zelt an und wärmen sich an den Flammen. Rahib ist ein in seinem Tal geschätzter Sänger, und mit seinen Kollegen zusammen singt er am Feuer Berberlieder, rhytmisch begleitet auf einer Plastiktonne und zwei Blechtellern.

Freitag, 22. November 2002 (Karte: Etappe 4)

VorschauDie andern schlafen noch, als ich um etwa halb sieben aufstehe. Es ist ein wunderschöner Morgen, und die Temperatur liegt nur leicht unter null Grad. Ich ziehe mich an und folge einem Schäferweg auf den Guiliz (2905 m), den ich nach etwa einer Stunde erreiche. Der Berg selbst ist alpinistisch belanglos, ein Schuttmugel mit etwas Schnee, aber die Sicht auf unsere Aufstiegs- und Abstiegsrouten am Siroua ist gewaltig. Um halb neun bin ich zurück im Camp, und um halb zehn machen wir uns auf dem Heimweg.

VorschauDas Ziel heisst Ti n-Iddr, das oberste Dorf in diesem Tal, das mit einem Auto erreichbar ist. Während Mahfoud und die Muli-Treiber einem leidlichen Pfad folgen, ziehen wir die direkte, dem Gelände angepasste horizontale Route vor. Wir kraxeln durch tiefe Gräben und über felsige Plateaus, immer mit einem Auge auf die Mulis. Es ist sehr warm heute, und zum ersten Mal können wir im T-Shirt wandern. Das Tal führt nach Südwesten, wird langsam weiter und öffnet den Blick auf den Anti-Atlas, als wir die ersten Terrassen von Atougha (ca. 1700 m) sehen.

VorschauWir steigen über Marmorbänder zum Dorf ab ab und kaufen bei einer Berberfamilie frischen Safran. Als wir gegen Mittag Ti n-Iddr erreichen, sind wir restlos ausgetrocknet, und Mahfoud kommt mit schlechten Nachrichten: In Ti n-Iddr ist kein Auto verfügbar, der einzige Laden im Tal hat geschlossen, und wir müssen noch etwa 3- 4 Stunden weiter nach Mazwad oder Arg.

Mit völlig ausgetrocknetem Mund und bei nun sengender Sonne marschieren wir auf dem nun etwas breiteren Weg tapfer weiter nach Süden. Kurz nach Mazwad kreuzt ein alter Nissan unseren Weg. Mahfoud verhandelt mit dem Fahrer, und der verspricht, uns in Kürze hier abzuholen und uns nach Taliouine zu bringen. Die Mulis werden entladen, und wir verabschieden uns von Ibrahim und Rahib mit einem kleinen Trinkgeld.

VorschauNach etwa zwei Stunden, die wir mit ungeduldigem Dösen und einer sorgfältig geschälten Orange verbringen, kommt der Wagen endlich zurück. Wir packen das Material auf die Ladefläche und setzen uns zum Fahrer und schliessen die Türe mit einem Bolzen. Im Blindflug geht es über eine äusserst rauhe Piste voran; zuerst sieht der Fahrer nichts, weil die untergehende Sonne ihn blendet, und nach Sonnenuntergang sieht er nichts, weil seine Scheinwerfer nur gerade drei Meter weit leuchten. In hundert Kehren fahren wir in etwa 2 Stunden über Akhfamane nach Taliouine zurück, das wir wider Erwarten lebend erreichen.

Wir wollen uns im Zimmer gerade waschen, als Mahfoud anklopft und uns einlädt, uns im Hamam zu erfrischen. Im Vergleich zu unserer WC-Dusche scheint uns das eine saubere Sache zu sein, und wir fahren mit Mahfoud und seinem Angestellten aus der Herberge, einem gutaussehenden kräftigen Berber, ins Dorf. Durch eine dreckige Gasse und einen dunklen Hinterhof kommen wir zu einer Türe, aus der uns warmer Dampf entgegenschlägt. In einer schäbigen Garderobe sitzen vielleicht 15 Männer und Knaben in Unterhosen; einige halten die Füsse in einem Plastikkübel mit warmem Wasser. Wir ziehen uns aus und achten die ersten 10 Sekunden noch darauf, auf dem schmutzigen und verdächtig nach Fusspilz aussehenden Boden nicht allzusehr aufzutreten. Dann überwinden wir unsere Bedenken (immerhin haben wir die Fahrt nach Taliouine überlebt) und folgen Mahfoud und seinem Angestellten in den heissesten Raum des Hamam. Dort sitzen Männer und Knaben am Boden und waschen oder massieren sich gegenseitig. Wir füllen einige Plastikkessel mit Wasser, setzen uns in eine Ecke und waschen uns, so gut es in Unterhosen sitzend eben geht.

Dann heisst der Angestellte von Mahfoud Reini auf den Bauch liegen und beginnt mit einer Reinigungsmassage, die in unseren Breitengraden den Tatbestand des versuchten Totschlags erfüllen würde: Er kniet auf Reinis Brustkorb und reibt ihm mit Stahlwolle Rücken, Bauch und Beine mit wund; er versucht ihm das Bein zuerst auszureissen und es ihm dann in den Bauch zu stossen, und er bemüht sich, Reinis Oberarme aus den Schulterpfannen zu reissen. Reini überlebt die Prozedur knapp. Dann wendet sich der Folterer (man möchte wirklich keinen Streit mit ihm, und ausserdem ist er noch für das Nachtessen zuständig) mir zu; bereits etwas entkräftet, begnügt er sich damit, mir die Rippen und die Wirbelsäule brechen zu wollen, was ihm glücklicherweise nur halb gelingt. Wir überspülen uns nochmals mit heissem Wasser, in der Hoffnung, damit alle möglichen Pilze abzuwehren, ziehen uns in der Garderobe die dampffeuchten Kleider an, und verlassen diese martialische Stätte gut geknetet und leicht verwirrt.

Samstag, 23. November 2002

Wir stehen gegen sieben Uhr auf, trinken einen Kaffee und begrüssen unseren Chauffeur, der uns nach Marrakesch zurückbringen soll. Er ist morgens um drei dort losgefahren und wirkt bereits ziemlich müde... Wir verabschieden uns von Mahfoud mit einem schönen Trinkgeld (und mit meinem Bergschuhen, die ihm genau passen, damit er zukünftige Gruppen selber durch den Schnee führen kann). Die Fahrt über den Tizi n'Test Pass zieht sich elend in die Länge; alle zehn Minuten versuchen wir, den Fahrer mit wohlwollenden Zurufen ("Saftsack!") vom Einschlafen abzuhalten; unseren Vorschlag, selber zu fahren, lehnt er jedoch entschlossen ab. Auf den letzten 50 Kilometern vor Marrakesch ist er so müde, dass ich mich darauf vorbereite, innert einer halben Sekunde über seine Schultern nach dem Steuerrad zu greifen. Uns in Marrakesch von ihm zu verabschieden, fällt uns leicht.

Nach einem ausgedehnten Stadtbummel bilanzieren wir beim Nachtessen im "Les Jardins de la Koutoubia" unsere Erfahrungen:

Sonntag, 24. November 2002

Morgens um sechs fliegen wir mit Royal Air Maroc nach Zürich zurück. Erstaunlicherweise werden wir am Flughafen nicht gleich in der Quarantänestation festgehalten, wird unser Gepäck nicht gleich der KVA übergeben, und übergeben sich unsere Frauen nicht gleich nach dem Begrüssungskuss. Der Hamam scheint seine Wirkung also doch getan zu haben.

Logistische Informationen

27. November 2002
Roman Koch