Maighels - Campo Tencia
Mit Reini Dietschi
Nach einem Glas Weisswein und einem Speckteller im Hotel Rheinquelle in Tschamut marschieren wir um ca. 19.00 von Punkt 1987 los. Reini trägt einen monströsen Rucksack von mindestens einer Tonne, der ihn fast in den Boden drückt und alle 15 Minuten zu einer Pause zwingt. Das Tempo ist entsprechend gedämpft. Auf halber Strecke setzt dann auch noch der Regen ein. Um 20.30 kommen wir in der Maighels-Hütte an.
Der Versuch, über den Maighels-Pass zur Vermigelhütte zu wandern, scheitert kurz vor der Abzweigung zum Pass am strömenden Regen. Weiter oben am Bornengo-Pass schneit es bereits. Reini empfiehlt den Wechsel von statischer auf dynamische Tourenplanung, d.h. in diesem Fall den Wechsel vom Maighels ins Tessin. Wir gehen zum Oberalppass zurück und fahren nach Andermatt, wo wir Kaffee trinken und unsere Regenausrüstung vervollständigen. Über dem Gotthard in Richtung Süden sieht es tatsächlich etwas sonniger aus; wir wählen den Ritom-Stausee als erstes Ziel.
Nach einer kurzen Regenpause im Restaurant bei der Staumauer, die wir mit einem weissen Merlot und einem hervorragenden Alpkäse gut überstehen, nutzen wir den nächsten trockenen Abschnitt für einen Spurt auf den Föisc, dessen Gipfel wir in 50 Minuten erreichen. Die Aussicht ist gewaltig - vom Bedretto mit Rotondo / Lucendro über das Tessin hinüber ins Lukmaniergebiet und zum Piz Ravetsch. Wir erreichen das Auto, gerade als es erneut zu regnen beginnt.
Bei der Rückfahrt über den Gotthard über die Tremola steigen wir kurz aus, um den Föisc zu fotografieren - und beim Einsteigen ins Auto zerreist Reini seine Hosen im Schritt. In Andermatt beehren wir deshalb erneut das Sporthaus Alpina. Der Marsch vom Oberalp zur Maighels-Hütte dauert etwas mehr als eine Stunde und verläuft beinahe trocken.
Morgens um sechs sieht es im Maighels-Tal noch vielversprechend aus, aber dann kündigen Regenbogen den nächsten Schauer an. Also marschieren wir erneut zurück zum Oberalp und fahren über den Gotthard nach Rodi-Fiesso.
Die erst gerade renovierte Seilbahn führt uns zum Lago Tremorgio (1830m). Nach einer Stunde errechen wir die Capanna Leit auf 2260m und blicken fasziniert zum Pizzo del Prévat (2558m). Wir steigen nach einem Kaffee in die Scharte südlich des Prévat auf ca. 2430m und sehen, dass uns nur gut 100 Meter im II. bis III. Grad zum Gipfel fehlen. Leider haben wir unser Klettermaterial nicht dabei. In der Scharte ist es windstill, die Sicht über die Alpen des Maggiatal ist hervorragend, und wir geniessen unser Essen an der Sonne.
Wir steigen westlich der Scharte über einen steilen und wohl selten begangenen Rasenhang auf ca. 2200m ab, umgehen den Westpfeiler und steigen am Nordfuss des Prévat über weissen zuckerförmigen Dolomit zum Passo Campolungo. Der Abstieg zur romantischen Alpe Campolungo führt wieder durch Zuckerdolomit, und auf der Alp lädt uns der sanft mäandrierende Bach zum Fussbad lädt. In der Capanna Tremorgio überbrücken wir einen kurzen Regenschauer mit einem Glas Weisswein.
Mit unseren Frauen telefonierend fahren wir wieder zum Oberalp, wo wir überraschend von Reinis Eltern überholt werden. Ein Kaffee mit ihnen im (schrecklichen) Passrestaurant stärkt uns für den Rückmarsch zur Hütte, den wir in gerade 59 Minuten schaffen.
Nach einer weiteren Regennacht und nur mässig guten Aussichten für die Folgewoche entscheiden wir, statt ins Rotondo-Gebiet ins Tessin zu fahren. Wir reservieren für einige Nächte in der Campo Tencia-Hütte. Nach einem weiteren Regenmarsch zum Oberalppass und ausgedehnter Zeitungslektüre in Andermatt fahren wir nach Prato und essen im Hotel Tencia eine Kleinigkeit. Wir nehmen die Seilbahn zum Lago di Tremorgio und marschieren mit unseren recht schweren Rucksäcken an der Capanna Leit vorbei. Am Seelein geniessen wir das milde Licht des späten Nachmittags, bevor wir den strengen Aufstieg zum ersten Pass (2420m) in Angriff nehmen - ein steiler Weg durch einen Plattenschuss. Keuchend kommen wir auf dem Pass an und sehen, was uns erwartet: Ein kurzer Abstieg und ein noch viel steilerer Pass (2480m). Der Weg ist wirklich streng, und mit unseren schweren Rucksäcken müssen wir aufpassen, dass wir das Gleichgewicht nicht verlieren.
Auf dem zweiten Pass angekommen, nach nur gerade 700 Höhenmetern, sind unsere Oberschenkel hart wie Steine. Und der Abstieg zur Hütte auf 2140m, mit einer kurzen Gegensteigung, lässt uns einmal mehran unserem Talent als Bergsteiger zweifeln. Die Campo Tencia-Hütte entschädigt uns für den strengen Marsch: Eine fantastische Terrasse mit Sicht aufs Rheinwaldhorn, ein Nachtessen mit einem guten Kräuterrisotto, eine Dusche und ein Einzelzimmer! Hier werden wir uns wohlfühlen.
Ruhetag mit etwas Kletterei an einem Felsen in der Nähe der Hütte. Mehrere kurze Routen im IV. Grad helfen uns, eine recht feine Route im Grad V+ von oben zu erschliessen. Nach einer Siesta auf einem Fels spazieren wir über Blöcke zum Lago di Morghirolo und zurück zur Hütte.
Morgens um sieben brechen wir zum Pizzo Campo Tencio auf. Der Weg ist markiert, und auf einigen Wegspuren geht es sich teilweise recht bequem. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder kurze Felsstufen und Blockschutt. Wir erreichen den grossen Croslina-Gletscher und wenden uns nach Süden, zuerst auf dem Gletscher, später im Geröll zum Sattel 2974m. Zuerst besteigen wir den Pizzo Tenca (3035m), gehen zurück zum Sattel und folgen dem Grat auf grossen Blöcken zum Pizzo Campo Tencia 3071m, den wir nach 3 1/4 Stunden erreichen. Die Sicht über reicht vom Monte Rosa über die Viertausender des Wallis zum Finsteraarhorn, Titlis, Tödi und Bündner Alpen.
Aus den Tälern steigen immer mehr Quellwolken aus, der Luftdruck sinkt, und wir beschliessen, unsere Siesta auf dem Gipfel abzubrechen. Für den Abstieg steigen wir über Geröll und Firnfelder zum Sattel zwischen Pizzo Campo Tencia und Pizzo Croslina; von dort folgen wir der Normalroute zurück zur Hütte.
Trotz viel Schutt ist der Pizzo Campo Tencia ein lohnenswerter Gipfel mit einem happigen, aber guten Weg. Ohne Markierungen wäre die Route nicht leicht zu finden.
Für den Nachmittag sind Gewitter angesagt; wir brechen deshalb früh am Morgen, unsportlich geweckt von den Veteranen des SAC St. Gallen, auf. Angesagt ist die Besteigung des Pizzo Lei di Cima (2680m) und des Pizzo Campolungo (2714m) von Cassine Lei di Cima her. Nach dem kurzen, aber schweisstreibenden Aufstieg zur Alp steigen wir ab 2400m weglos zuerst über Geröll und Blöcke, später über steile nasse Grashänge zum Grat auf. Auf ca 2600m, auf einer kleinen Gratschulter, entschliessen wir uns in Anbetracht des zunehmend schlechter werdenden Wetters zur Umkehr.
Wir steigen zur Hütte ab, lesen unterwegs noch einige Quarze auf (wobei sich Reini für einen Stein von etwa 4kg Gewicht entscheidet), packen unsere Sachen und verabschieden uns vom Hüttenwart mit dem Versprechen, wiederzukommen.
Der Weg nach Dalpe hinunter ist relativ lang, führt aber durch schöne lichte Lärchenwälder und Weiden. Mit heissen Füssen und etwas steifen Rücken lassen wir uns im ersten und einzigen Restaurant in Dalpe zu einem kleinen Mittagessen nieder, bevor wir im aufkommenden Regen nach Rodi-Fiesso weitergehen. Unterwegs nimmt uns ein Luzerner Bauer mit seinem Auto mit, so dass wir das kräftige Gewitter einigermassen trocken überstehen.
Wir fahren nach Bellinzona, kaufen eine Karte für das Luganese, und fahren in strömendem Regen über den Ceneri ins Val Colla, wo wir in Maglio di Colla in einer einfachen Pension übernachten.
Trotz der nach wie vor starken Bewölkung beschliessen wir, den Denti della Vecchia einen Besuch abzustatten. Wir fahren nach Cimadera und gelangen in einer guten Stunde zur Capanna Pairolo, wo prompt der Regen einsetzt. Die Denti sehen wir nur im Nebel, und ans Klettern wäre im nassen Kalk, selbst wenn der Regen aufhörte, nicht zu denken. Mit einer gewissen Resignation marschieren wir zum Auto zurück und fahren nach Lugano, wo wir im Hotel Walter ein letztes Mal übernachten.
Auf der Heimfahrt machen wir im Calanca-Tal Station. Ein einsames, tristes, steiles Tal, sicherlich das ärmste aller Bündner Südtäler. Schwer zu glauben, dass die Landwirtschaft auf den kleinen Weiden in den steilen Hängen jemals die Bewohner dieses Tals ernähren konnte. Trotz vieler kleiner Weiler wirkt das Tal ausgestorben; man fühlt sich indiskret und hat Bedenken, jemanden zu erschrecken. In Augio essen wir im Restaurant La Cascata und sehen uns auf der Karte die möglichen Bergwanderungen an. So gegen 2000 Höhenmeter im Aufstieg und weit über 10 km Distanz sollte man schon zu leisten vermögen, wenn man hier eine Tour machen will.
Nach dem Mittagessen steigen wir zum östlich von Augio gelegenen Wasserfall hoch. Der Grashang ist nass von der Gischt des Wasserfalls, und wir sind in kurzer Zeit so nass wie nach einem Regen im Maighels.
| Datum | Weg | Aufstieg | Abstieg |
|---|---|---|---|
| 27.7. | Oberalp-Maighelshütte | 300 | 0 |
| 28.7. | Maighelshütte-Maighelstal | 100 | 0 |
| Maighelstal-Oberalp | 0 | 400 | |
| Ritom-Föisc | 350 | 350 | |
| Oberalp-Maighelshütte | 300 | 0 | |
| 29.7. | Maighelshütte-Oberalp | 0 | 300 |
| Tremorgio-Prevatsattel | 600 | 0 | |
| Prevatsattel-Passo Campolungo | 100 | 200 | |
| Passo Campolungo-Tremorgio | 0 | 500 | |
| Oberalp-Maighelshütte | 300 | 0 | |
| 30.7. | Maighelshütte-Oberalp | 0 | 300 |
| Tremorgio-Passo di Leit | 600 | 0 | |
| Passo di Leit-Capanna Campo Tencia | 100 | 400 | |
| 31.7. | Capanna Campo Tencia-Lago Morghirolo | 200 | 200 |
| 1.8. | Capanna Campo Tencia-Pizzo Campo Tencia | 900 | 900 |
| 2.8. | Capanna Campo Tencia-Lei di Cima | 500 | 500 |
| Capanna Campo Tencia-Dalpe | 0 | 1000 | |
| 3.8. | Cimadera-Capanna Pairolo | 300 | 300 |
| Total | 4650 | 5350 | |
6. August 2000
Roman Koch
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