Überschreitung des Oberalper Grats

Der Oberalper Grat ist ein etwa drei Kilometer langer, sehr selten begangener Kalkgrat zwischen Bärenstock und Chaiserstuel. Der SAC Clubführer Zentralschweizerische Voralpen, Ausgabe 1984, dokumentiert die Überschreitung vom Chaiserstuel zum Bärenstock als EB (Route 493). Für den Zugang zum Grat wird neben anderen ein Pfad von der Sulztaler Hütte zu Punkt 2056 als EB (selten begangen) angegeben (Route 494).

Oberalper Grat

Am 26. Juni 2001, einem ausserordentlich heissen Tag, habe ich fast den ganzen Grat in umgekehrter Richtung, dabei Route 494 und 493 kombinierend, überschritten. Es handelt sich um eine anstrengende und sehr luftige Voralpentour, die ich insgesamt deutlich schwieriger als EB werte. Die Tour ist von einer Art, die heute nicht mehr gemacht wird, und eine etwas ausführlichere Beschreibung scheint mir daher angebracht.

Da ich mir unbekannte Schwierigkeiten lieber im Aufstieg bewältige, habe ich mich für Gitschenen als Talort entschieden. Gitschenen liegt auf einer wunderschönen Sonnenterrasse und ist mit der Seilbahn ab Isenthal – St. Jakob leicht erreichbar. Das Gasthaus, gleich neben der Bergstation gelegen, ist sehr gepflegt und gemütlich — ein Einkehrschwung war deshalb unumgänglich.

Auf der Alpstrasse gelange ich in einer Viertelstunde zur Sulztaler Hütte (1600m). Der Aufstieg zur Einsattelung Punkt 2056 ist gut sichtbar - er führt zunächst über steile Alpweiden nach Südosten. Die Alpweiden sind schweisstreibend, und mit der Zeit wird das Gras immer dünner und der Boden immer kiesiger. Auf etwa 1800m gelange ich zum Eingang einer tiefen Runse (westlich des “Dossen” - ohne Namen auf der Landeskarte). Die Runse scheint nass und rutschig zu sein; ich entschliesse mich deshalb, an ihrem rechten Rand über Steilrasen und Felsbrocken gegen Süden aufzusteigen. Es wird nun so steil, dass ich die Stöcke im Rucksack versorge und mich bei jedem Schritt mit den Händen am Gras und einigen wenigen Alpenrosen festhalte. Viele Stellen mit hangabwärts plattgedrücktem Altgras machen das Gehen mühsam, und die meisten Steine sind lose und als Tritte oder Griffe kaum zu gebrauchen. Einmal treffe ich auf ca. 20m überwucherte Trittspuren; ich muss vermuten, dass hier seit Jahren niemand mehr aufgestiegen ist. Zwischendurch überklettere ich einige Kalkfelsen; es tut gut, wieder einmal richtig solide Tritte und Griffe zu haben. Ab etwa 2000m wird das Gelände etwas weniger steil, und ich steige über Altschneefelder und Geröll zur Einsattelung auf. Von der Sulztaler Hütte bis hierher habe ich 1½ Stunden gebraucht - ¼ Stunde länger als im Führer angegeben, was ich auf die grosse Hitze zurückführe. Die Einsattelung belohnt mit einem grossartigen Blick auf den Uri-Rotstock und den Blüemlisalpfirn. — Ich bin froh, dass ich diesen Weg im Aufstieg gemacht habe; über dieses lose und nasse Gras abzusteigen kann kein Vergnügen sein.

Da ich um drei Uhr das Postauto in Oberrickenbach erreichen möchte, verzichte ich auf den Bärenstock und wende mich direkt nach Westen in Richtung Chaiserstuel. Zu Beginn ist der Grat felsig (griffiger Kalk), aber da ich allein unterwegs bin, umgehe ich die ersten Felsen vorsichtig auf den südlichen, steil zur Oberalp abfallenden Grashängen. Das Gras ist sehr dicht, und ich sehe nicht immer genau, wo ich den Schuh aufsetze. Kurz vor dem Stockzahn gehe ich erstmals auf dem Grat. Der Stockzahn ist ein auffälliger, etwa 20m hoher gespaltener Felsturm mit einem riesigen Metallkreuz drauf (gemäss Führer steht das Kreuz auf dem Fifer; dort habe ich aber keines gesehen). Am Fuss des Stockzahns verleitet mich ein Drahtseil zur Annahme, der Weg führe dort entlang - aber das Drahtseil ist für den Abstieg so ungeschickt platziert, dass ich schliesslich doch den ganzen Stockzahn südlich unterhalb des Felsens umgehe. Nach einem weiteren Grataufschwung, auf kaum sichtbarem Pfad, erreiche ich das Tor - ein tiefer Einschnitt, den ich schon von Gitschenen aus gesehen habe. Auch dieses Hindernis umgehe ich vorsichtig auf der Südseite.

Nach dem Tor komme ich, auf dem nun deutlicher und leichter werdenden Pfad, zügig voran und erreiche bei Punkt 2237, wo der markierte Weg von der Sinsgäuer Schonegg den Oberalper Grat erreicht, die ersten Altschneefelder. Auf dem breiten Rücken geht es gegen Südwesten auf den Chaiserstuel zu. Das letzte, einige Meter hohe Felsband, hat auf der Westseite einen einfachen Durchgang, und 1¼ Stunden nach der Einsattelung erreiche ich den grossen flachen Gipfel des Chaiserstuels (2400m). Die Aussicht auf Walenstöcke und Ruchstock, auf den Uri-Rotstock und über den ganzen Oberalper Grat (mit dem Glärnisch und der Silberen im Hintergrund) ist beeindruckend. Mir bleibt noch eine Stunde bis zur Abfahrt des Postautos, und ich steige deshalb zügig über die Bannalper Schonegg zur Chrüzhütte (1713m) ab, wo ich gerade noch rechtzeitig die Seilbahn erwische.

Meine gesamte Marschzeit betrug rund vier Stunden, mit etwa 1100 Höhenmetern im Aufstieg und 800 Höhenmetern im Abstieg (der Grat hat doch einige kleine Erhebungen, die man überschreitet). Die Schwierigkeiten, die ich angetroffen habe, lagen über meinen Erwartungen. Den Aufstieg bis zur Einsattelung würde ich als BG bewerten (Referenz: Kleiner Mythen Hauptgipfel Ostflanke, Route 316), weil er brüchig und sehr rutschig ist, hohe Trittsicherheit im Schrofengelände verlangt und überhaupt keine Sicherungsmöglichkeiten hat. Statt “selten begangen” sollte man die Route wohl besser als “nicht mehr begangen” bezeichnen. Den Grat von der Einsattelung bis westlich des Tors ist mit EB etwas zu leicht bewertet, denn das Traversieren der steilen Rasenhänge auf der Südseite erfordert höchste Vorsicht. Man sollte diese Route nur beschreiten, wenn man wirklich trittsicher ist, und wenn es einige Tage nicht geregnet hat. Dann aber bietet sie ein aussichtsreiches, ausserordentlich schönes und sehr einsames Naturerlebnis.

26.6.2001
Roman Koch