14. Juni 2006
Wenn man von Zürich aus nach Südosten, den See hinauf blickt, sieht man die massige Pyramide des Federispitz aus der Linthebene aufsteigen. Er verdeckt die Sicht auf den Speer und den Mattstock, mit denen zusammen er als Gruppe wahrgenommen wird. Federispitz und Speer gehöhren durchaus zusammen; beides sind Nagelfluhberge. Der Mattstock hingegen ist ein - den Kletterern wohlbekannter - Kalkgipfel. Die drei Gipfel hatte ich bereits einzeln in bequemen Tagestouren "gebucht": Den Federispitz im Mai 1990, den Mattstock im November 2001 und den Speer im Mai 2002. Am 13. Juni 2006 habe ich alle drei Gipfel am gleichen Tag bestiegen.
Um 07:40 gehe ich vom Bahnhof Ziegelbrücke aus los. Ich folge ein kurzes Stück der Strasse nach Schänis und folge dem steilen Weg, der beim Punkt 424 in den Wald hineinführt. Der Buchenwald ist dicht und dunkel (so dunkel, dass ich ein Langblättriges Waldvögelein, eine Orchideenart, nur mit Blitz fotografieren kann). Und der Weg ist gnadenlos direkt; auf einen knappen Kilometer steigt er 350m in die Höhe. Parallel zum Ziegelbach erreiche ich, nun etwas weniger steil, die Alpen Grüt und Schwanten, die beide schon bestossen sind. Nach der Alp Schwanten lichtet sich der Wald; Enziane und Kugelblumen säumen den Weg, der mich zum weiten Kessel der Alp Obernäten führt. Von hier aus sehe ich das letzte Teilstück vor mir; es führt mich über Weiden direkt auf den Federigrat und von dort aus über den aussichtsreichen Grat - bei guter Sicht würde man bis nach Zürich sehen - auf den Gipfel, den ich um 10:30 erreiche. Einige Senioren des SAC Hoher Rohn haben den Gipfel bereits vor mir erreicht, darunter einer, der bereits 86 Jahre alt ist. Er darf sicherlich stolz darauf sein, den Federi bestiegen zu haben - bei mir selbst bin ich da nicht ganz sicher.
Vom Federispitz aus gehe ich ein kurzes Stück auf dem Federigrat zurück und steige dann über eine steile Runse zur Alp Fiderschenboden ab. Zwar findet sich da und dort eine weiss-rot-weisse Markierung, aber als Weg kann man diesen Erdrutsch kaum mehr bezeichnen. Auf nun gutem Weg gelange ich zur Alp Ober Fiderschen, und von dort aus leicht sinkend zur Abzweigung kurz vor Unterchäseren, wo ich auf einer Höhe von 1306m den tiefsten Punkt zwischen Federi und Speer erreiche.
Durch den Saumchengel, den ich vor vier Jahren im tiefen Schnee kennengelernt hatte, gelange ich zur Alp Oberchäseren und am Flügenspitz vorbei (dieser übrigens aus Kalk, nicht aus Nagelfluh) an die Südostflanke des Speers. In Gipfelnähe erlauben einige letzte Altschneefelder einen sehr direkten und stetigen Aufstieg. Um 13:00 erreiche ich den Gipfel, auf dem die Senioren des SAC Zindelspitz gerade ihre Mittagsrast beenden.
Nach einer kurzen Pause kehre ich zur Alp Oberchäseren zurück. Das Bergrestaurant hat bereits geöffnet, und ich bin froh, dass ich meine Trinkflaschen auffüllen kann. Auf einem lauschigen Weglein, im Schatten des Mattstocks, erreiche ich Vordermatt. Hier wechselt das Gestein von Nagelfluh zu Kalk. Ich folge nun einem bequemen Schottersträsschen, stets mit Sicht auf die Goggeien-Zähne, zur Hinter Höhi, einem Passübergang zwischen Amden und Stein (sein Namensvetter, die Vorder Höhi, liegt gleich nebenan auf der Ostseite des Gulmen). Ich folge dem Strässchen bis nach Walau; mein Höhenmesser zeigt den tiefsten Punkt mit 1325m an.
Von Walau aus folge ich dem Normalweg auf den Mattstock. Er führt mich in Dutzenden von weiten Serpentinen, zuerst über Rasen und später durch Lawinenverbauungen, durch den Südosthang. Kurz vor dem Gipfel wird der Weg nochmals etwas rauher; zwei kurze Stellen sind sogar mit einem Drahtseil gesichert. Ich spüre nun langsam die Anstrengung des Tages und komme nur noch langsam voran; den Gipfel erreiche ich um 16:30.
Auf dem gleichen Weg gelange ich rasch zurück nach Walau und von dort aus auf schlecht markierten Pfaden durch Weiden hinunter nach Amden, wo ich um 18:00 bei der Postautostation ankomme.
Zugegeben, im Vergleich zu anderen Monstertouren ist das Verhältnis von Gipfeln zu Höhenmetern schlecht - drei Gipfel auf 2700 Höhenmeter im Aufstieg (und 2200 Höhenmeter im Abstieg). Aber mir ging es bei dieser Tour weniger um das Gipfelsammeln als vielmehr um einen Formtest. Mein bisheriger "Rekord" waren die gut 1900 Höhenmeter von St. Luzisteig auf den Falknis. Die heutige Tour war zwar wesentlich leichter (T2, nur gerade am Gipfelaufbau von Speer und Mattstock kurz T3), aber dafür viel länger und höher.

Voraussetzungen für diese Tour sind lange Tage mit sicheren Wetterverhältnissen, eine gute Grundkondition sowie ausreichende Mengen an Flüssigkeit (dabei helfen die Quellbrunnen bei den meisten Alpen sowie das Bergrestaurant Oberchäseren). Da man die Tour nach jedem Gipfel abbrechen kann, sind die Risiken im Vergleich zu anderen Monstertouren gering.
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