21. Juni 2005
Auf der Nordseite des Brienzersees zieht sich ein rund 19 Kilometer langer Grat entlang, der in Interlaken beim Harder beginnt und im Brienzer Rothorn seinen Kulminationspunkt findet. Der Grat fällt auf beiden Seiten meist steil ab, im Norden nach Habkern und ins Quellgebiet der Emme, im Süden zum Brienzersee. Harder am Westende und Brienzer Rothorn am Ostende sind mit Bahnen erschlossen. Der bekannteste Gipfel auf dem Grat selbst ist das Augstmatthorn (eidg. Jagdbanngebiet, reich an Steinböcken). Der Westteil des Grats, vom Harder bis zum Suggiture, sowie das Augstmatthorn werden oft begangen; die übrigen Gipfel erhalten weniger Besuch. Der Grat kann an einigen Orten überquert werden, am leichtesten über die Ällgäu Lücke. Der Grat wird gelegentlich in seiner ganzen Länge vom Brienzer Rothorn zum Harder überschritten; tüchtige Bergsteiger sollen dafür rund 10 Stunden benötigen. Am 17. Juni 2005 habe ich den Ostteil des Grats von der Ällgäu Lücke bis zum Rothorn Kulm überschritten.
Ausgangspunkt meiner Tour ist die Mittelstation Planalp der Brienz Rothorn Bahn. Ich folge der Fahrstrasse nach Westen über die Alp Einewang zur Alp Läger. Auf einem nun schmaler werdenden Pfad gelange ich, immer eine Höhe von knapp 1700m haltend, über blumenreiche Alpweiden zur Alp Bitschi und von dort zur Passhöhe der Ällgäu Lücke, die ich nach etwa zwei Stunden gegen Mittag erreiche.
Die Quellwolken ziehen sich über dem Grat zusammen, als ich schliesslich vorsichtig den schmalen Pfad zum ersten Gipfel, dem Ällgäuhorn, in Angriff nehme. Die Pfadspur ist zwar gut sichtbar, aber sie scheint mir eher von den Steinböcken als von Bergsteigern gepflegt zu werden. Auf der Südseite bricht der Grat sehr steil ab, und ich muss mich zuerst einige Minuten an dieses Gefühl der Ausgesetztheit gewöhnen, bevor ich über grasbesetzte Kalkstufen den Gipfel erreiche. Auf der Nordseite des Grats, oberhalb der Alp Ällgäuli, sehe ich ein Rudel Gämsen in einem Schneefeld. Den Wolken nach zu schliessen ist das mein letzter weiter Blick für heute; die Kamera kann ich von nun an im Rucksak versorgen.
Der kurze Abstieg nach Osten ist steil und ausgesetzt, und die Pfadspur ist schlecht. Ich steige sehr vorsichtig
und teilweise auf dem Hosenboden ab und bin dabei froh um meinen Eispickel, den ich im Gras als Anker und als Griff
einsetze. Im Clubführer Berner Voralpen
wird dieser Abschnitt der Tour zu Recht als BG
klassiert. Der
Aufstieg zum Tannhorn ist dann bereits wieder deutlich leichter. Der Pfiff eines Steinbocks lässt mich trotz Nebel
nochmals die Kamera aus dem Rucksack holen. Kurz vor dem Gipfel treffe ich schliesslich auf zwei Böcke, die sich
unwillig zurückziehen.
Gemäss Gipfelbuch erhält das Tannhorn doch noch recht häufig Besuch; an schönen Herbsttagen tragen sich bis zu 20 Wanderer ein. Der Abstieg vom Tannhorn bis zum Wannepass ist zu Beginn wieder sehr steil und exponiert und verlangt entsprechende Vorsicht. Die Überschreitung des Briefenhorns schliesslich ist nicht weiter schwierig, auch wenn ich nun langsam eine gewisse Schwere in den Beinen spüre. Der Pfad ist nun stellenweise mit ausgebleichten weiss-rot-weissen Markierungen versehen (er ist jedoch nirgens mehr als Bergweg signalisiert). In einem munteren Auf und Ab erreiche ich schliesslich den Chruteren Pass.
Den Versuch, die fünf Lanzizähne (ZS-, Stellen III) zu überschreiten, breche ich schon beim ersten Zahn ab; der Kalk ist zu feucht vom dichten Nebel, und die vielen erdigen Tritte machen die Schuhsohlen nicht griffiger. Ich folge stattdessen dem nun etwas breiteren Weg auf der Nordseite des Grats bis zum Lättgässli, einer nassen Runse, die wieder zum Grat hinaufführt. Gemäss Clubführer sollten Drahtseile den Aufstieg erleichtern, aber sie sind vermutlich noch unter dem Schnee begraben. Die Felswand auf der linken Seite, den Schnee auf der rechten Seite kämpfe ich mich, stilistisch wenig erbauend, die Runse hoch. An einer Stelle finde ich eine Art betonierte Treppe; im Spätsommer dürfte sie den Aufstieg wesentlich bequemer machen.
Ziemlich ausgepumpt steige ich dem letzten Gipfel, dem Schongütsch, entgegen. Auf seinem breiten Westgrat treffe ich auf eine grosse Herde Steinböcke. Es sind, soweit ich das im Nebel zählen kann, sicherlich 25 Tiere. Einige von ihnen tragen farbige Markierungen im Ohr. Ich nähere mich dem Rudel bis auf wenige Meter. Steinböcke fliehen nicht, sie versuchen eher, langsam nach oben auszuweichen - und die Herde löst denn auch immer wieder Steine aus, denen ich, so gut das im Nebel geht, auszuweichen versuche. Kurz vor dem Gipfel weicht das Rudel in die Südflanke aus. In einem kurzen Abstieg erreiche ich schliesslich nach mehr als sechs Stunden das Berggasthaus Rothorn Kulm.
Abgesehen vom etwas heiklen Ostgrat des Ällgäuhorns ist die Überschreitung technisch nicht schwierig, aber lang (Gratwanderungen sind ja nie flach) und fast immer ausgesetzt. Bei Nässe kann der gras- und erdbedeckte Kalk, zusammen mit der Ausgesetztheit, die Tour wohl zu einem heiklen Unterfangen machen. Die Orientierung ist jedoch nie schwierig (logisch, auf einem Grat), und sowohl vom Wannepass als auch vom Chruteren Pass kann man notfalls wieder zur Planalp absteigen.
Obwohl die technischen Schwierigkeiten zu 90% im Bereich von T3 liegen, tue ich mich schwer mit dieser Klassierung. Nicht wegen der kurzen T4-Stellen, sondern wegen der fast permanenten und beidseitigen Ausgesetztheit, die für Bergwanderungen in den Voralpen doch ungewöhnlich ist. Die Route verlangt eindeutig "Vertrautheit mit exponiertem Gelände", und deshalb muss man sie wohl, auch um Nachahmer nicht unglücklich zu machen, als T4 klassieren.
Aufgrund des Nebels ist die fotografische "Ausbeute" eher gering. Den Grat habe ich erst am nächsten Morgen vom Brienzer Rothorn aus in seiner ganzen Länge überblicken können.






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