Kurzer Abriss der historischen Gewässerkorrektionen in der Schweiz

Etwas überspitzt ausgedrückt, war die Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Sumpf, aus dem Berge hervorragten. Die grossen Ebenen des Mittellandes wurden regelmässig überschwemmt, und die von Malaria bedrohten Sumpfgebiete waren landwirtschaftlich wenig nutzbar und waren ein Hindernis für den aufkommenden Eisenbahnbau. Die Hochwasserschäden nahmen zudem mit der Abholzung der Wälder, bedingt durch den Energiebedarf der aufkommenden Industrialisierung, und der damit verbundenen Erosion laufend zu.

Der Lauf der Gewässer wurde zwar seit dem Mittelalter beeinflusst, aber diese frühen Korrektionen geschahen im kleinen, lokalen Rahmen. Mit mehreren grossen Korrektionswerken erhielt das Mittelland im Laufe von gut 200 Jahren sein heutiges Gesicht. Erst das Zusammenspiel mehrerer gesellschaftlicher Veränderungen schuf die Voraussetzungen, um den Lauf eines Gewässer integriert zu korrigieren. Diese Korrektionswerke waren für die damalige Zeit gewaltige Unternehmungen, die hohe Anforderungen an Finanzierung, politische Durchsetzung und Ingenieurtechnik setzten. Sie waren geprägt von Pioniergeist, Aufbruchsstimmung und dem Gefühl, der "wilden" Natur Ordnung und Anstand aufzwingen zu können.

Bei den Gewässerkorrektionen kamen drei Strategien in unterschiedlichen Kombinationen zum Einsatz:

Mit den Gewässerkorrektionen wurden Auen- und Sumpflandschaften zu landwirtschaftlich nutzbaren Gebieten. Aus heutiger Sicht sind die Korrektionen auch ein massiver Verlust; Fische, Tiere (z.B. Biber) und Vögel verloren riesige Lebensräume. Heute werden die Korrektionen teilweise rückgängig gemacht (Renaturierung, Revitalisierung). So wird etwa die zweite Thurkorrektion im Raum Niederneunform gezielt ein breiter Fluss mit Auen geschaffen, das Reussdelta wird renaturiert, und auch für die Linthebene bestehen Pläne für eine teilweise Renaturierung.

Die wichtigsten Korrektionswerke waren:

Bauzeit Fluss Korrektionsstrecke
1711-1714 Kander Kanderdurchstich
1807-1822 Linth Walensee-Zürichsee
1855-1865 Gürbe Wattenwil-Aare
1856-1890 Nozon/Orbe Orny bzw. Orbe-Neuenburgersee
1857-1873 Seez Mels-Walenstadt
1860-1890 Rhein Landquart-Rüthi (SG)
1863-1893 Rhone Brig-Genfersee
1866-1875 Aare Meiringen-Brienzersee
1868-1891 Aare 1. Juragewässerkorrektion
1871-1920 Emme Räbloch (Gem. Schangnau)-Aare
1874-1893 Thur Bischofszell-Hochrhein
1877-1895 Töss Fischenthal-Dättlikon
1878-1895 Glatt Greifensee-Hochrhein
1888-1912 Ticino Bellinzona-Langensee
1893-1923 Rhein Rüthi (SG)-Bodensee
1911-1926 Muota Hinterthal-Vierwaldstättersee
1917-1987 Saane Montbovon-Lac de Gruyère
1930-1960 Rhone 2. Rhonekorrektion
1941-1964 Linth Melioration Linthebene
1949-1955 Areuse Travers-Couvet
1962-1973 Aare 2. Juragewässerkorrektion

Kanderdurchstich 1711 - 1714

Die Kander floss ursprünglich nördlich an Wimmis und westlich an Thun vorbei bei Uttigen in die Aare und verursachte in diesem Gebiet immer wieder Überschwemmungen. 1711 begannen die Bauarbeiten für einen Stollen durch den Strättlighügel, mit dem die Kander in den Thunersee umgeleitet wurde. 1714 wurde die Kanden in den Stollen umgeleitet; sie erodierte ihn rasch, und der Stollen stürzte ein (Kanderschlucht). Das Geschiebe häufte sich im Thunersee an (Kanderdelta). Die Aare konnte die zusätzliche Wassermenge zwischen Thun und Uttigen nicht abführen; Schwellen, Wehre und Schleusen mussten verstärkt werden (der Unmut in der Bevölkerung veranlasste den leitenden Ingenieur, aus der Gegend wegzuziehen). Mit der Kanalisierung der Aare in Thun wurden 1776 die Folgeprobleme teilweise behoben; die Korrekturarbeiten zwischen Thun und Uttigen dauerten bis weit ins 19. Jahrhundert.

Massnahmen zum Hochwasserschutz im Bereich der Stadt Thun sind nach wie vor in Arbeit: Im November 2004 wurden Pläne zum Bau eines etwa 1 km langen Entlastungsstollen publiziert, mit dem der Seespiegel bei Hochwasser rasch gesenkt werden kann.

Linthwerk 1807 - 1822

Durch die Abholzung der Wälder im Glarnerland im 18. Jahrhundert kam es verstärkt zu Erosion und Murgängen in der Linthebene. Die Linth, welche ursprünglich direkt in den Zürichsee führte, lagerte das Geschiebe ab und floss langsamer. Sie führte schliesslich soviel Geschiebe in die Linthebene, dass die Maag (Weeser Lindt), welche den Walensee entwässerte, rückwärts zu fliessen begann, und rund um den Walensee kam es zu rückstaubedingten Überschwemmungen. In der versumpfenden Linthebene kam es zu Malaria, Sumpffieber und Tuberkulose, und die Bevölkerung verarmte.

Mit dem Linthwerk wurde diese hausgemachte Naturkatastrophe korrigiert. Unter der Leitung von Hans Conrad Escher wurde die Linth bei Mollis in den Walensee umgeleitet (Escherkanal), und die Maag wurde bei Ziegelbrücke durch den Linthkanal in den Zürichsee geführt. Daraus resultiert auch die heute etwas verwirrende Namensgebung: Die Linth geht durch den Escherkanal in den Walensee; dieser entwässert durch die Maag und nachher durch den Linthkanal in den Zürichsee.

Erste Juragewässerkorrektion 1868 - 1891

Die Aare floss ursprünglich bei Aarberg mäandrierend nördlich gegen Büren, wo sie sich bei Meienried mit der Zihl (Neuenburgersee - Bielersee) vereinigte. Die Ebene nördlich von Aarberg war regelmässig überschwemmt. 1841 legte der Bündner Ingenieur Riccardo la Nicca das Konzept für die erste Juragewässerkorrektion vor, und 1868 begannen die Bauarbeiten. Die Aare wurde durch den Hagneck-Kanal in den Bielersee geleitet, und die Abflussmenge des Bielersee wurde mit dem Nidau-Büren-Kanal erhöht (ein kurzes Stück der Zihl führt jedoch immer noch durch die Stadt Biel). Gleichzeitig wurde das Gebiet zwischen den drei Seen, das Grosse Moos, kanalisiert: Die Broye zwischen Murtensee und Neuenburgersee sowie die Zihl zwischen Neuenburgersee und Bielersee.

Weil nach der Kanalisierung der Grundwasserspiegel sank und der Boden sich absenkte, kam es auch nach Abschluss der Arbeiten, in den Jahren nach 1891, immer wieder zu grossen Überschwemmungen, welche 70 Jahre später die zweite Juragewässerkorrektion notwendig machten.

Tösskorrektion 1877 - 1895

Beim Hochwasser von 1876 riss die Töss streckenweise das eben erst erstellte Trassee der Tösstalbahn weg und zerstörte Häuser sowie Obstbaumkulturen. Auch hier war, ähnlich wie bei der Linth, die verstärkte Erosion nach der Abholzung der Wälder (das Tösstal war eines der Zentren der frühen Industrialisierung) an der zunehmenden Zahl und Heftigkeit der Hochwasser mitbeteiligt. Mit der Korrektion nach den Plänen des Kantonsingenieur Wetli wurde die Töss kanalisiert und das Gefälle mit Schwellen verkleinert. Gleichzeitig wurden die Wälder im südlichen Tösstal wieder aufgeforstet.

Die Schwellen in der kanalisierten Töss stabilisieren zwar die Kanalsohle, bergen aber auch Gefahren: Je nach Wasserführung entstehen unterhalb der Schwellen Wasserwalzen, in denen das Wasser rückwärts fliesst. Diese Wasserwalzen haben in den 1995 und 1996 mehrere Todesopfer gefordert (oft Hundehalter, welche ihren in der Wasserwalze ertrinkenden Hund retten wollten).

Rheinregulierung 1893 - 1923

Bei Rüthi SG mündet die Ill in den Rhein. Die Hochwasser in der Ebene zwischen Rüthi und Bodensee waren seit dem frühen 19. Jahrhundert Gegenstand von Verhandlungen zwischen der Schweiz und Österreich-Ungarn. Mit dem "Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Österreich-Ungarn über die Regulierung des Rheines von der Illmündung stromabwärts bis zur Ausmündung desselben in den Bodensee" von 1892 wurden die Arbeiten zur Rheinregulierung ausgelöst. Mit dem Fussacher Durchstich wurde der Rhein von St. Margrethen direkt nach Norden in den Bodensee geleitet. Die Arbeiten am Diepoldsauer Durchstich dauerten länger und wurden von der Schweiz immer wieder verzögert; erst 1923 konnte das neue Rheinbett zwischen Widnau und Diepoldsau eröffnet werden. Seither ist Diepoldsau eine Insel zwischen Rhein und dem Bett des alten Rheins.

Die von den Voralpen westlich der Rheinebene kommenden Bäche wurden in der Rheinebene kanalisiert und im Rheintaler Binnenkanal zusammengeführt; er mündet bei St. Margrethen in den Alten Rhein.

30. März 2004
Roman Koch