Die Alpen 4/2002, Marco Volken
Mit Anpassungen vom November 2004
Bergwandern ist innerhalb des SAC nach wie vor die beliebteste Tätigkeit - aber auch jene Sportart, die zu den meisten Unfällen führt. Nicht zuletzt aus diesen Gründen hat der SAC-Verlag in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen eine neue Wanderskala ausgearbeitet, die dank feineren Abstufungen und klaren Definitionen eine deutliche Verbesserung bei der Schwierigkeitsbewertung von Wanderrouten ermöglicht.
Im Rahmen einer umfassenden Überarbeitung seiner internen Richtlinien hat sich der SAC-Verlag in den letzten Jahren intensiv mit den Schwierigkeitsskalen zur Bewertung von Routen in den verschiedenen Führern befasst. Die Hochtourenskala (L, WS, ZS usw.) erwies sich als zuverlässig und ist international gut eingeführt, weshalb sie lediglich kosmetische Korrekturen erfuhr. Ebenso wenig wurden die Felskletterskalen revidiert, wobei der SAC-Verlag im Bereich Sportklettern neuerdings grundsätzlich die französische Skala (6a, 6b, 6c usw.) verwendet und nur noch im alpinen Bereich auf die UIAA-Skala (I, II, III usw.) zurückgreift. Bereits vorgestellt wurden die neue Skitourenskala, die sich bereits in mehreren Führern bewährt hat, sowie die zur Bewertung der Absicherung von Kletterrouten geschaffene P-Skala, die bisher allerdings noch nicht zur Anwendung gelangte.
Die bis anhin verwendete alte dreiteilige Wanderskala (B, EB, BG) hielt den heutigen Anforderungen nicht mehr stand, war sie doch im Vergleich zu den übrigen Skalen zu grob bzw. ungenau und baute auf etwas verwirrenden Bezeichnungen (Bergwanderer, Berggänger) auf. Entstanden ist nun eine neue Skala mit feineren und klareren Abstufungen, die Wanderrouten in Grade - ähnlich der Kletterskala - einteilt: T1 ist der erste und einfachste Wandergrad,während T6 die schwierigste Tour bezeichnet - sozusagen die "Eigernordwand" der Wanderer (vgl. Tabelle). Das Kürzel T steht für "Tourism" und soll an die Wanderkartenblätter der Landestopographie im Massstab 1:50000 erinnern, die neben der Blattnummer diese Bezeichnung tragen.
| Grad | Weg/Gelände | Anforderungen | Referenztouren |
|---|---|---|---|
| T1 Wandern |
Weg gut gebahnt. Falls nach SAW-Normen markiert: gelb. Gelände flach oder leicht geneigt, keine Absturzgefahr. | Keine, für Turnschuhe. Orientierung problemlos, auch ohne Karte möglich. | Männlichen - Kleine Scheidegg, Hüttenweg Jurahaus, Cabane Mont Raimeux, Strada Alta Leventina, Vermigelhütte. |
| T2 Bergwandern |
Weg mit durchgehendem Trassee. Falls SAW-konform markiert: weiss-rot-weiss. Gelände teilweise steil, Absturzgefahr nicht ausgeschlossen. | Etwas Trittsicherheit. Trekkingschuhe sind empfehlenswert. Elementares Orientierungsvermögen. | Wildhornhütte, Bergseehütte, Täschhütte ab Täschalp, Passo Campolungo, Capanna Cristallina von Ossasco. |
| T3 anspruchsvolles Bergwandern |
Weg am Boden nicht unbedingt durchgehend sichtbar. Ausgesetzte Stellen können mit Seilen oder Ketten gesichert sein. Eventuell braucht man die Hände fürs Gleichgewichtfalls markiert: weiss-rot-weiss. Zum Teil exponierte Stellen mit Absturzgefahr, Geröllflächen, weglose Schrofen. | Gute Trittsicherheit. Gute Trekkingschuhe. Durchschnittliches Orientierungsvermögen. Elementare alpine Erfahrung. | Hohtürli, Sefinenfurgge, Fründenhütte, Grosser Mythen, Pizzo Centrale vom Gotthardpass. |
| T4 Alpinwandern |
Wegspur nicht zwingend vorhanden. An gewissen Stellen braucht es die Hände zum Vorwärtskommen. Falls markiert: weiss-blau-weiss. Gelände bereits recht exponiert, heikle Grashalden, Schrofen, einfache Firnfelder und apere Gletscherpassagen. | Vertrautheit mit exponiertem Gelände. Stabile Trekkingschuhe. Gewisse Geländebeurteilung und gutes Orientierungsvermögen. Alpine Erfahrung. Bei Wettersturz kann Rückzug schwierig werden. | Schreckhornhütte, Dossenhütte, Mischabelhütte, Übergang Voralphütte-Bergseehütte, Vorder Glärnisch, Steghorn (Leiterli), Piz Terri, Pass Casnile Sud. |
| T5 anspruchsvolles Alpinwandern |
Oft weglos. Einzelne einfache Kletterstellen. Falls Route markiert: weiss-blau-weiss. Exponiert, anspruchsvolles Gelände, steile Schrofen, Gletscher und Firnfelder mit Ausrutschgefahr. | Bergschuhe. Sichere Geländebeurteilung und sehr gutes Orientierungsvermögen. Gute Alpinerfahrung und elementare Kenntnisse im Umgang mit Pickel und Seil. | Cabane Dent Blanche, Büttlasse, Salbitbiwak, Sustenjoch Nordflanke, Bristen, Pass Cacciabella. |
| T6 schwieriges Alpinwandern |
Meist weglos. Kletterstellen bis II. Meist nicht markiert. Häufig sehr exponiert. Heikles Schrofengelände. Gletscher mit erhöhter Ausrutschgefahr. | Ausgezeichnetes Orientierungsvermögen. Ausgereifte Alpinerfahrung und Vertrautheit im Umgang mit alpintechischen Hilfsmitteln. | Niesengrat (Fromberghorn Nord), Glärnisch Guppengrat, Via alta della Verzasca. |
Doch wie soll man nun alte und neue Wanderbewertungen miteinander vergleichen? Eine klare Entsprechung ist nicht ohne weiteres möglich, da teilweise neue Kriterien berücksichtigt oder anders gewichtet werden. Doch grob gesagt geht das alte B (Bergwanderer) in T1 über, EB (erfahrener Bergwanderer) in T2 oder T3 und BG (Berggänger) in T5 oder T6. T4 ist somit eine Art EB+. Mit Hilfe von Definitionen und Vergleichstouren werden die einzelnen Grade genauer umschrieben. Von zentraler Bedeutung ist, dass die Touren jeweils unter der Annahme günstiger Verhältnisse bewertet werden, also bei guter Witterung und Sicht, trockenem Gelände, geeigneter Schnee-und Firnbedeckung usw. Um die Skala nicht zusätzlich zu belasten, wurde bewusst auf Klettersteige und durchgehend gesicherte Routen verzichtet, was allerdings einzelne Fixseil-, Ketten-oder Leiterpassagen nicht ausschliesst.
Ein ernstes und immer wieder zu heiklen Situationen führendes Missverständnis ist die Annahme, dass Wandern dort aufhört, wo die Hochtourenskala einsetzt. In Wirklichkeit ist eine Alpinwanderung im oberen Schwierigkeitsbereich (T5, T6) in aller Regel bedeutend anspruchsvoller als beispielsweise eine Hochtour mit der Bewertung L. Ein wesentlicher Unterschied zur leichten Hochtour liegt darin, dass auf einer T5- oder T6-Route (früher BG) selten bis nie mit Seil oder sonstigen Hilfsmitteln gesichert werden kann und das entsprechende Gelände absolut beherrscht werden muss, was ein hohes technisches wie psychisches Niveau erfordert. Typische Beispiele dazu sind extrem steile Grashänge, wegloses Schrofengelände mit schlechtem Fels oder sehr exponierte Gratpassagen. Auf Grund der unterschiedlichen Merkmale einer typischen Hochtour und einer typischen "Extremwanderung" lässt sich ein Vergleich kaum anstellen, doch kann man davon ausgehen, dass eine T6-Route vergleichbare Anforderungen stellt wie eine Route im Bereich WS bis ZS-!
Die "Arbeitsgruppe Wanderskala" ist überzeugt, dass die nun vorliegende neue Einteilung eine präzisere und auf Anhieb klarere Deklaration von Schwierigkeiten ermöglicht. Der SAC-Verlag wird nun in seinen Führern nach und nach auf dieses neue Instrument umstellen und empiehlt den Sektionen dringend, in ihren Tourenprogrammen ebenfalls die neue Skala zu verwenden. Damit können die Mitglieder die Angebote und Beschreibungen direkt vergleichen und beurteilen, ob sie den Anforderungen einer Tour gewachsen sind.