Seit ich als Schüler Ludwig Hohls Bergfahrt
gelesen habe, sind Berge, Bergler, Bergsteiger für mich immer auch
Metaphern, immer auch aufs Wesenliche reduzierte Schauplätze für Geschichten und Dramen. Und seit ich bergwandere, ist
mir die Bergwelt immer auch ein Raum der Kultur, der Geschichte, des Kampfes und des Klischees. Ein Betruf, im Klang
verfremdet durch den Holztrichter, macht mir Hühnerhaut, und gleichzeitig finde ich es kitschig, künstlich. Im
Laufe der Zeit habe ich verschiedene Bergfilme gesehen, die in diesem Spannungsfeld von ernster Erhabenheit und
kitschiger Verklärung spielen. Ich liebe diese Filme, wohl wissend, dass sie nicht das echte Leben, sondern ein
Leben unter vielen schildern, ein Leben zudem, das vom Aussterben bedroht ist oder oft nur noch ein Nachruf
seiner selbst ist.
Inhalt:
Fredi M. Murer, 1974
"Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind": Das sagt einer der drei Bergbauern, die Fredi Murer auf der Göschneralp, im Maderanertal und im Schächental beobachtet hat. Wie ein Ethnologe zeichnet er den Alltag und die Arbeit der Bergbauern auf, lässt sie sich selbst kommentieren, und vermittelt zurückhaltend und trotzdem eindringlich ihr Lebensgefühl zwischen Selbstbestimmung und Resignation.
Xavier Koller, 1985
Die Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Meinrad Inglin: Der Bergbauer Kaspar Tanner, gespielt von Dietmar Schönherr, soll im Rahmen der Anbauschlacht im zweiten Weltkrieg einen Teil seiner Wiesen mit Kartoffeln ("Gumel") bepflanzen. Er wehrt sich gegen den seiner Meinung nach unsinnigen Befehl und kommt dafür ins Gefängnis. Tanner ist der Archetypus des Bergbauers: Eigensinnig, sparsam mit Worten, unbelehrbar und trotzdem sympathisch; er trägt Züge eines Michael Kohlhaas (unbelehrbares Rechtsempfinden) und eines Farinet (anarchische Auflehnung gegen Behördenwillkür).
Fredi M. Murer, 1985
Ein einsamer Bergbauernhof in der Innerschweiz, vermutlich im Kanton Nidwalden. In langsamen und stillen Bildern portraitiert Fredi Murer die Familie: den jähzornigen Vater, die depressive Mutter, die bald erwachsene Tochter Belli, die gerne Lehrerin geworden wäre, und den taubstummen "Bueb". In strenger, aber nicht moralisierender Logik enden die Sprachlosigkeit des "Bueb" und die Fürsorglichkeit seiner älteren Schwester Betti im Inzest und im Vatermord. Die Dialoge sind knapp, aber präzise. Und die Bilder sind von einer unglaublichen Kraft.
Martin Schaub, 1993
Meine Erinnerungen an diesen Film sind blass (und Korrekturen sind erwünscht): Martin Schaub zeigt nacheinander sechs Sennen, teilweise mit Familie, in ihrem Alltag im Alpstein. Der junge Senn, der barfuss den Mist verzettelt. Der alte Senn, der zwischen Bollenwees und Rotsteinpass die verschiedenen Graslagen erklärt. Der Familiensenn, der nach getaner Arbeit auf der Meglisalp sich wäscht und den Betruf singt. Die Texte, die John Berger im Off vorträgt, sind etwas gar abgehoben, aber stören nicht. Der Alpstein als Kultur- und Arbeitsraum, ohne lärmende Touristen, mit Nebel und Regen, mit Feuer im Holzofen.
Pierre-Antoine Hiroz, 1995
SF DRS hat den ursprünglich in französisch gedrehten Film in Walliserdeutsch synchronisiert und macht so die Welt der Kuhkämpfe zugänglich. Julie Fellay kehrt aus der Stadt in ihr Dorf zurück und übernimmt den Hof ihrer Eltern. Prosper, der Dorfkönig, bringt jedoch ihre Leitkuh "Glorieuse" um, und Julie holt, unterstützt von ihrem Freund, dem Helipiloten, illegal eine Kuh aus Italien, mit der sie schliesslich gegen Prosper gewinnt. Ein fröhlicher Bergkrimi, inklusive Liebesgeschichte, mit einer überzeugenden Pascale Rocard als Julie, die sich nicht scheut, bei der Geburt des Kalbes in die Vollen zu greifen oder mit ihrer Leitkuh zu schmusen. Dass sie sich am Schluss mit Prosper beinahe versöhnt, mag nicht recht gefallen. Aber die Walliser sind halt keine Revolutionäre, und die Macht versöhnt sich immer wieder mit der Opposition - nur so vermag Tradition sich zu erhalten.
Erich Langjahr, 1996
Der Alpsommer der Familie Meile im Appenzell. Der Alpaufzug, der Sommer auf der Alp. Das Drehen am Butterfass, das Käsen. Der Alpabzug, das Figurenschnitzen im Winter. Ohne zu werten, zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, konserviert Erich Langjahr eine traditionelle Welt, die offensichtlich funktioniert, offensichtlich Werte birgt, sich dem Neuen zwar nicht entzieht, aber sich auch nicht darum kümmert.
Jakob Wüst, ca. 1995 (?)
Jakob Wüst, ein engagierter Amateur, erzählt die Liebesgeschichte zwischen Bruno, Senn auf der Altenalp im Alpstein, und Gerlinde, Krankenschwester vom Tal, die einen Sommer lang auf der Altenalp als "Handbueb" arbeitet. Liebenswerte Blumenbilder, eine heldenhafte Schafrettung in den Altenalp-Türmen und sparsame Dialoge im knorrigen Appenzeller-Dialekt führen zwar kitschig, aber nie verlogen zum Happy-End mit Hochzeit.
16. Juli 2002
Roman Koch
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